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Digitalisierungs-Debatte: Das bundesweite Geschnattere

 

Nach der Zusammenkunft der Kultusminister auf Bundesebene, neuen Mitteln in Milliardenhöhe, überschlagen sich die Kommentatoren in Sachen Digitalisierung und "Aufbruch" ins digitale Bildungszeitalter.   Sind wir nicht schon seit über 10 Jahren mitten drin? Den Ankündigungen zufolge ja, die Realität der vergangenen Monate betrachtend: NEIN! Ganz klar Nein. Wir stehen völlig am Anfang und sind uns nicht mal einig darüber, wie denn nun  das alles im Alltag umgesetzt werden soll.

Denn nun kommen die Baustellen:

  • von 950 Schulstandorten in Sachsen-Anhalt hängen ganze 48 Schulen am Glasfasernetz des Landes. Ziel ist es, bis Ende 2021 alle Standorte erschlossen zu haben.  Merke: Wir befinden uns also noch ganz am Anfang der Digitalisierung!!!
  • Für 13,75 Mio € erhält in Sachsen-Anhalt jede Lehrkraft einen Dienst-Laptop. Das betrifft 15 000 Lehrkräfte. Macht 916 €/Laptop.  Merke: Laptop=Laptop=Laptop, egal, Hauptsache Laptop. Über deren Betriebssystem, Software, Systemvoraussetzungen, Ressourcen, um als möglicherweise wichtige Schnittstelle auch zu funktionieren - geschenkt. Hauptsache Laptop.
  • Nun gibt es sogar "Systembetreuer", in einer Anfangsphase teilweise vom Bund finanziert, nachdem sich die Länder für deren Finanzierung geweigert haben und die Standortträger dafür kein Budget hatten... In 5 Jahren kann das dann wieder  anders ausschauen..

Und jetzt kommt der Hammer

Nochmals: 

Schritt 1:  Schulen ans Netz,  Schritt 2: Verkabelung, WLAN, Präsentationsgeräte, Schritt 3: Geräte für Schüler und Lehrkräfte. Dann der wichtigste Schritt 4: WAS machen wir nun damit?

Exakt in dieser Reihenfolge läuft das alles ab...  

Bestehen noch irgendwelche Fragen, WO wir in Sachen Digitalisierung in unserem Bildungswesen stehen?  Es ist erschütternd. 

Man könnte neben diesem rein technischen Gegackere das Thema Digitalisierung mal ganz anders - logischer angehen, denn: der "entscheidende Schritt", nämlich die Anwendung durch die Lehrkräfte, die Methoden, werden  NICHT auf Knopfdruck erfolgen. Es wird bei dieser Vorgehensweise mindestens 5 weitere Jahre dauern, bis die entsprechenden Kompetenzen ansatzweise und weiterhin lückenhaft da sind und somit ist die erste Generation Endgeräte schon mal für die Tonne, teures Vergnügen und schlecht genutzt. 

Stellschrauben für eine zügigere Vorgehensweise:

1.  Bund / Länder
  • Eindeutigere Vorgaben bezüglich Lernsoftware und Clouds. 
  • Außerdem ist bislang die Frage NICHT beantwortet, inwiefern offene Betriebssysteme wie Linux aber  auch Google for Education als deutlich preiswertere Komplettlösung (von größtem Belang für die Standortträger!) in Betracht gezogen werden können. 
  • Gängigste Grundsoftware ist vom Land/Bund mit einer Generallizenz zu beschaffen, denn auch hier macht die Menge den Preis. Dabei ist angesichts des zu erwartenden Glasfasernetzes ebenfalls auf online- /Cloud systeme und nicht Installation von Software auf den örtlichen Rechnern Wert zu legen. Das reduziert die Unterhaltskosten, Systemstörungen  und dauernde Updates.
2. Länder  

  • Im Zuge der Lehrerausbildung gehört Digitale Kompetenz genau so zu einer Schlüsselqualifikation wie der Bachelor für den Englischunterricht.  Konkret: Der/die Studierende  verfügt bereits bei Studienabschluss und somit VOR den Referendariat über Kenntnis und Praxis in Sachen digitalem Unterricht, Organisation eines digitalen Klassenzimmers, hat mindestens eine Woche Fernunterricht mit einer Gruppe von Studienkollen angeleitet und kennt sich im Umgang mit den gängigen Lernclouds und digitalen Lernprojekten aus...  Diese Kompetenzen sind zu bewerten, also vollwertiger Ausbildungsbaustein und gehören zum Grundrüstzeug. Dieser Ausbildungsgang gehört zwingend in die Lehrerbildungsanstalten und NICHT ins Referendariat!  Eine derartige Ausbildung ist aktuell weder in Magdeburg noch in Halle vorgesehen!!
  • Sämtliche bereits aktiven Lehrkräfte sind verpflichtet, sich über Weiterbildung  an den entsprechenden Schwerpunkt- Kompetenzschulen bis Ende Schuljahr 2023/24 diese Zertifikate in Form von 2 x 1 Kurswoche bezahlter Weiterbildung nachzuholen.  Wer der Meinung ist,  er/sie benötige diese Weiterbildung nicht, kann einen Fachtest ablegen.
  • Was sollen Medienbildungskonzepte, welche von Leuten auszuarbeiten sind, welche heute mangels Infrastruktur gar nicht wissen, welches Potential in diesem Thema steckt?
  • Was sollen Medienbildungskonzepte, welche den einzelnen Schulhäusern mangels Fachkompetenz durch Fachleute aufdiktiert werden, ohne dass die Betroffenen deren Inhalt und Nutzen wirklich zu erfassen vermögen?

Auf die Tube drücken!!

Die Gelder für digitale Aufrüstung sind gesprochen, liegen bereit, werden nicht abgerufen, da gerade diese obigen Formalitäten einen unglaublichen Energieverschleiß und fachlichen Leerlauf bedeuten.   Also sollte es reichen, dass die Schulen ihren Bedarf definieren. Wenn wir von Grundschulen sprechen, dann sollten wir so weit kommen, dass zumindest die 3. und 4. Klassen mit Endgeräten ausgestattet werden. Geräte, welche dann aber auch genutzt werden und zwar deutlich mehr als 2x45  Minuten/Woche...

Wir verplempern unnötig Zeit, denn seit Jahren wird von der technischen Ausstattung der Schulen zwar gesprochen, aber abgesehen von feuerpolizeilichen und energetischen Sanierungen in Milliardenhöhe, sind es immer wieder die Standortträger, welche sich da auf die Schuldenstraße begeben müssen. DAS kann es nicht sein. Dazu einfach die beiden Koalitionsverträge von 2011 S. 14 und 2016 ab Seite 67 (Digitalisierung S. 72) anschauen.  

Auf die Tube drücken muss nicht weiter erklärt werden, denn nicht die Länder sind die "Macher",  sondern der Bund, welcher zum zweiten Male zumindest  im finanziellen Bereich die Schleusen öffnet.  Auf Länderebene geht es weiterhin mehr als zäh und vor allem erneut unglaublich bürokratisch voran.  Hier das verlangte Medienkonzept, welches Schulen zu erstellen haben, wenn sie digital aufrüsten wollen. Eine Lachnummer auf 33 Seiten und reine Zeitverschwendung!!!

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