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Lesermeinung: Andreas Krause – Denn unsere Landesregierung weiß nicht was sie anrichtet

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff, sehr geehrte CDU/SPD Landesregierung,

Wie kann es sein, dass nach der Wahl 2012 die Diäten um satte 18 % erhöht werden und in den Folgejahren Grundschulen und Theater geschlossen und bei der Hochschulbildung gekürzt wird. Soweit ich weiß sind Sie ein sehr gläubiger Mensch. Wie können Sie es also mit Ihrem Gewissen vereinbaren, 6-jährige Kinder ohne Aufsicht bis zu einer Dauer von 90 Minuten (von Ihnen als zumutbar festgelegt) zur Schule fahren zu lassen? Das ist verantwortungslos! Ab der Bushaltestelle befinden sich diese Kinder in der Obhut des Landes. Und ist es tatsächlich zu vertreten, das ein 6-jähriges Kind einen Schultag, vergleichbar mit dem eines Vollzeitbeschäftigten von 8 Arbeitsstunden, hat?

Jenseits jeder Realität die Mindestschülerzahlen für Grundschulen hochzusetzen, nur um absichtlich das nicht erfüllen der Zahlen zu provozieren, um die Schulen schließen zu können… Da läuft doch etwas falsch! Vermutlich würden Sie auch so empfinden wenn es Ihre Enkelkinder betreffen würde!

Im Fall der Grundschule in Cobbelsdorf wird das erreichen der Schülerzahlen dadurch erschwert, dass derzeit scheinbar absichtlich eine Verunsicherung der Eltern bezüglich der im Raum stehenden Schließungen hervorgerufen wird. Einige Eltern beginnen hierdurch bereits Ihre Kinder auf andere Schulen zu schicken um den Kindern den Stress beim Schulwechsel zu ersparen. Durch Zusammenlegung der zwei Grundschulen in Coswig sind diese Klassen sehr gut und angemessen gefüllt, und benötigen keine Verstärkung aus den Dorfschulen. In den kommenden Jahren wäre in Cobbelsdorf, bei jährlicher Einschulung aus Kindergärten Wörpen und Cobbelsdorf, durchaus eine Schülerzahl möglich, die die Betreibung der Dorfschule Cobbelsdorf zumindest als Nebenstelle der Fröbel-Grundschule in Coswig rechtfertigen würde. Da Umgang, Ausdrucksweise und auch Interessen bei Dorf- und Stadtkindern unterschiedlich sind, wäre dies durchaus sinnvoll.

Sie wollten angeblich den ländlichen Raum fördern, aber tun alles, um diesen immer unattraktiver für Familien zu machen. Sie konzentrieren sich auf die Städte und vernachlässigen das Leben auf dem Land. Wenn man das ländliche Kulturgut erhalten will, muss auch etwas dafür getan werden, sonst verschwinden irgendwann Dörfer. – Oder ist das vielleicht Ihr Ziel, als Wittenberger Stadtmensch? Während in Wittenberg das kulturelle Erbe mit immensen Mitteln saniert und wieder aufbereitet wird, schrumpfen die Dörfer immer mehr. Das Leben auf dem Land wird immer komplizierter und unattraktiver. Schulen, Busverbindungen, Einkaufmöglichkeiten, Verbindungstraßen, Kulturstätten in der Nähe,... – alles verschwindet allmählich.

Nehmen wir das Beispiel unserer Grundschule in Cobbelsdorf. Diese Grundschule ist ein zentraler Punkt für 6 weitere Dörfer. Es gibt einen Sportplatz, eine Sporthalle, einen Schulgarten, einen Hort in der Kindertagesstätte, sogar ein Schwimmbad in 80m Entfernung. Schließen Sie diese Grundschule, wird es auch keine Hortkinder mehr geben. Zudem werden einige Eltern Ihre Zweit- oder Drittgeborenen in dem Ort in den Kindergarten schicken, wo das größere Geschwisterkind dann in die Grundschule geht, um sich und den Kindern möglichst Wege und Transferzeiten zu ersparen. Für die Gemeinde Cobbelsdorf hat das zur Folge, dass sich der Kindergarten nicht mehr tragen würde. Man müsste ihn schließen. Von Schließung wäre auch das Schwimmbad betroffen, denn es fehlten ja die kleinen Besucher aus dem Kindergarten sowie die Grundschul- und Hortkinder die während der Betreuungszeit nicht mehr baden kommen können. Außerdem würde durch das späte nach Hause kommen, die Hausaufgaben, das Lernen sowie das zeitige zu Bett gehen aufgrund sehr früher Aufstehzeiten, kein Zeitraum für den Schwimmbadbesuch, das Spielen in der Natur und eine aktive Teilnahme am Dorf- und Landleben bleiben. Dadurch wird die Entwicklung einer Bindung zum Heimatdorf unterdrückt. Was letztendlich dazu führt, dass diese Jungen Menschen in Städte ziehen, in denen die Lebensbedingungen besser sind. Die Schließung der Grundschule hätte damit fatale Folgen.

Es sei an dieser Stelle auch erwähnt, dass die Eingemeindung zur Stadt Coswig an die Bedingungen geknüpft war, dass Grundschule, Kindertagesstätte und Schwimmbad erhalten bleiben. Nun, da die Dörfer im Zuge der Gebietsreform entmündigt wurden, wird die Wehrlosigkeit ausgenutzt.
Was ist hier los in Deutschland? Kann man sich auf Zusagen nicht mehr verlassen? Gibt es kein Ehrenwort mehr? Soviel zur Förderung und Erhaltung des ländlichen Raumes.

Mit Ihrer Politik vertreiben Sie junge Familien von den Dörfern, was zu noch weniger Kindern in den Dorfschulen führt. Das passt alles nicht zusammen. Sie nehmen so viel Geld in die Hand, um Menschen nach Sachsen Anhalt zu holen und kürzen andererseits an allen Stellen, die das Leben lebenswert machen, wie z.B. Kultur- und Bildungsstätten.
Wie kann man Sachsen-Anhalt tatsächlich das Anhaltinische Landestheater in Dessau nehmen wollen?
Wie kann man vorhandene Grundschulen weg rationalisieren wollen und dies auch noch ohne den ersatzweise erforderlichen Bustransfer auf kürzestem Wege und die Betreuung der Kinder entsprechend abzusichern?
Wie kann man bei Hochschulen und Bildung finanzielle Mittel kürzen und gleichzeitig den Fachkräftemangel beklagen.
Wie kann es sein, dass Millionen Fördergelder sofort bereit stehen, wenn ein Investor eine Idee hat? Aber wenn sich ein Ehepaar etwas auf dem Land aufbauen, ein altes Haus sanieren und eine Familie gründen will, dann sind die Kriterien so realitätsfern das man keine Chance hat vergleichsweise sehr geringe Fördergelder (z.B. aus dem Topf für Dorferneuerung) zu bekommen.
Wie kann es sein, dass an Investitionen für und in unsere Kinder gespart wird, aber bei irgendwelchen fadenscheinigen Projekten Millionen in den Sand gesetzt werden oder die Lobbyisten unter Umständen Geld von diesen Firmen abgreifen, um die Politik entsprechend zu lenken (legalisierte Korruption)?

Eine Grundschule ist nicht allein eine Frage des Geldes, sondern ein Grundbedürfnis aufgrund der Bildungspflicht. Daraus resultiert eine Bringschuld Staates um für die Bürger lebensnahe, zumutbare und erfüllbare Bedingungen zu schaffen, damit diese die Bildungspflicht erfüllen können.

Unsere Regierung sollte sich wieder öfter in der Realität und zwischen dem Volk bewegen, um den Blick für die wirklichen Lebensumstände im Land nicht zu verlieren. Nicht allein eine funktionierende Wirtschaft ist für die Zukunft des Landes von Bedeutung! Man muss auch an die Bürger und die Mitte der Gesellschaft denken, denn diese breite Masse finanziert im Wesentlichen den Staatsapparat ,während die Oberschicht ihr Geld über Umwege und Schlupflöcher im Ausland sichert.

Mit freundlichen Grüßen

Andreas Krause

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