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Hintergrund: Land ohne Lehrer - Schulen in Not

Heute abend um 20:45 Uhr thematisiert mdr EXAKT "den Lehrermangel". Wissenschaftler, Bildungspolitiker und Minister werden hier zu erklären versuchen, was es mit diesem inzwischen bundesweiten Problem auf sich hat. Wir möchten hier und heute einen zentralen Aspekt für Sachsen-Anhalt herausgreifen, da wir der Meinung sind, dieses Problem sei hausgemacht und trauriges Ergebnis einer verantwortungslosen Landespolitik.

Ausgangslage ist die Tatsache, dass sich sowohl Lehrerbedarf wie auch zu erwartende Schülerzahlen in einem Zeitfenster von 6 Jahren ablesen lassen. Immer wieder wurde diese Tatsache auch in unserer FB-Gruppe und in Leserkommentaren erwähnt und Unverständnis darüber geäußert, dass hier nicht früher gegengesteuert wurde.

Der Unfug mit den regionalisierten Bevölkerungsprognosen

Es ist unbestritten, dass das Bedürfnis besteht, Trends und Entwicklungen in einem Bundesland auch in einem Zukunftsfenster darzustellen. Die Frage dabei stellt sich, inwiefern eine solche Prognose laufend an die neuesten Zahlen angepasst und entsprechend korrigiert wird, oder aber, ob eine einmal getroffene Aussage als Maß der Dinge für sämtliche Planungsschritte der folgenden Jahre definiert wird. Damit kommen wir zum landesspezifischen Problem, welches uns derzeit in Form von Lehrermangel, Schulraumknappheit , fragwürdige Ärzteversorgung, Personalausstattung der Polizei,  gerade auf die Füße fällt.

Wir haben eine 5. regionalisierte Bevölkerungsprognose, basierend auf Datensätzen vom 31.12.2008. Wie heißt es so schön in der Einleitung? "Die 5. Regionalisierte Bevölkerungsprognose für Sachsen-Anhalt bildet die Planungsgrundlage für alle Vorhaben und Maßnahmen der Landesregierung".

Ja, das wurde auch so gemacht. Erinnern wir uns:
  • Druck auf fusionsunwillige Kommunen im Zuge der Gemeindegebietsreform 2010. "Demografische Entwicklung lässt uns keine andere Wahl."
  • Der damalige Finanzminister Bullerjahn setzte Projektionen auf 2025-30 als Maß seiner Personalentwicklungsplanung. (=Rigorose Einschränkung der Einstellungskorridore und Personalreduktion durch natürliche Abgänge) Seit Jahren prognostiziert, heute Tatsache: Dieses Konzept führte uns geradewegs in die Unterversorgung!
  • Verordnung zur Schulentwicklungsplanung (SEPL-VO2013)  und Schulbau-Förderprogramme (STARKIII) bedienen sich dieser Zahlen und argumentieren, in der Projektion auf 2030 seien bezüglich Schülerzahlen regional mit Rückgängen von bis zu 35% zu rechnen. Die Standortgemeinden von Schulen hätten jetzt  und heute diese Perspektive einzuplanen. Heute wissen wir: Zentren stärken dank Strukturabbau im ländlichen Raum. DAS war das Ziel. Diese Zentren stöhnen jetzt unter Platznot und müssen dringend ausgebaut werden...
  • Noch im Jahre 2016 mussten Schulbau-Förderanträge (im Zuge der "Gleichbehandlung aller Antragsteller") auf den Datensätzen der 5. regionalisierten Bevölkerungsprognose erstellt werden!! Demografie-Check mit Ausweis von mindestens 80 Schülern - im Jahre 2035!  
  • Es bleiben zwei unangenehme Fragen: War diese 5. Regionalisierte Prognose Mittel zum Zweck? Hat man sie deswegen volle 8 Jahre als Planungsgrundlage allen Ministerien,Gemeinden und Landkreisen auf die Stirn gedrückt? Denn mal ehrlich: Kommunen und Landkreise während 5 Jahren mit offensichtlich falschen Prognosen planen und Infrastrukturen abbauen zu lassen, ist schon ein starkes Stück!

Von "überraschende Entwicklung" kann keine Rede sein!

Was war denn, als sich ab 2012 auf kommunaler und Kreisebene die Stimmen mehrten, dass diese Prognosen, insbesondere was Geburtenzahlen betreffe, nie und nimmer der Realität entsprächen? Ist es nicht ein Gebot der Stunde, sofort auf diese Entwicklung zu reagieren, neue Daten zu erheben? Es war doch damals schon offensichtlich: Das Land muss diesen Veränderungen zeitnah Rechnung tragen, ganz besonders in der Personentwicklungsplanung, aber auch in den Aussagen zur Entwicklung des ländlichen Raumes! 
Stattdessen  drückte diese Landesregierung im Zeitraum 2010-15 ein Strukturwandel-Paket durch, welches seinesgleichen sucht - und offensichtlich in jeder Hinsicht gescheitert ist! Das Aktionsbündnis Grundschulen vor Ort nannte dieses Ansinnen eine demografiehörige und visionslose Defensiv-Strategie, mit welcher man nicht mehr in der Lage sein werde, gegenläufige Tendenzen aufzufangen. Genau an diesem Punkt stehen wir heute beim Thema Bildung.

Diesen Schwenker NICHT gemacht zu haben, ist ein verantwortungsloses Verhalten der damaligen Koalition. Seit 2013 waren alle Problemfelder, welche wir heute diskutieren, bekannt.  Kritik der Gemeinden, der Verbände und der politischen Opposition wurde trotzig und mit Verweis auf die 5. Bevölkerungsprognose abgebügelt. Von "überraschende Entwicklung" kann  folglich keine Rede sein!


Der Blick voraus - mit der 6. regionalisierten Bevölkerungsprognose. Dieselbe Problematik!

Am 26.7.2016 (nach 8 Jahren!) erschien die 6. Regionalisierte Bevölkerungsprognose. Oh Wunder - alles halb so schlimm! Sachsen-Anhalt wird nicht 2023 sondern frühestens 2030 weniger als 2 Mio Einwohner haben. Bereits heute wissen wir - auch diese Aussage wird sich nicht bestätigen! Denn:
  • Die Datensätze stammen vom Dezember 2014 - das war vor der Flüchtlingskrise
  • Die Geburtenzahlen (ohne Flüchtlinge) liegen bereits in den Jahren 2015/16 über den Parametern der 6. Prognose. Die Bertelsmann-Studie vom Juli 2017 geht prognostisch von noch höheren Zahlen aus.
  • Bereits heute lässt sich also sagen: In den Jahren 2030-35  wird die Altersstruktur der Bevölkerung Sachsen-Anhalts  nicht der Darstellung der neuen Prognose entsprechen.
  • Ein ganz besonderer Aspekt ist die Zuwanderung von Flüchtlingsfamilien, der mögliche Familiennachzug ab 2018. Ging man bisher von einer Geburtenhäufigkeit von 1,5 Kindern /Frau aus, dürfte sich dieser Wert bei Flüchtlingsfamilien aus Kriegsgebieten verdoppeln. Das wiederum wird in den kommenden Jahren bezüglich Schülerzahlen gravierende Auswirkungen auf unser Schulsystem haben - auch für die Planung bezüglich benötigter Lehrkräfte inklusive Spezialfunktionen. Dazu eine Zahl: Derzeit leben in Sachsen-Anhalt 14 858 Flüchtlinge deren Verfahren abgeschlossen und positiv beschieden ist. (Quelle, Stand Jan. 2017
  • Auf all diese heute bereits sichtbaren neuen Entwicklungen ist JETZT zu reagieren - und nicht, wenn die Kinder vor dem Klassenzimmer stehen. 
Diese 6. Regionalisierte Bevölkerungsprognose darf also auf keinen Fall, wie  es auch im neuen Vorwort zu lesen ist zur "einheitlichen Planungsgrundlage für alle Behörden" werden. Nein, gefragt sind Flexibilität, mehr Befugnisse, Kompetenzen und Finanzmittel in den Regionen und Kommunen, damit diese überhaupt die Möglichkeit kriegen, zeitnah auf neue Entwicklungen reagieren zu können. Zukunftsgestaltung findet vor Ort statt und kann nicht zentral verordnet werden. 

Wenigstens DAS sollte eine Lehre der vergangenen 7 Jahre sein.





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