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Grundschulverbünde: "Es bleibt dabei ........Mehr ist dazu nicht zu sagen"

Letzte Woche gab es hohe Wellen zum Thema Grundschulverbund, Auslöser waren Infos der Bürgermeisterin der Stadt Seeland und des Stadtratsvorsitzenden und Ortsbürgermeisters von Frose, welche in der MZ anschließend wiedergegeben wurden. Diese Aussagen haben wir zitiert und darauf bauend die Aussage gemacht, dass sich die CDU von den Schulverbünden verabschiedet. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten, nachzulesen auf der FB-Seite der Landtagsfraktion.

Es ist richtig: Im Koalitionsvertrag stehen die Schulverbünde. Was ist denn drin in dieser Tüte? :

Angedacht  ist  also "zwei oder mehrere bestehende Grundschulen" organisatorisch zusammenzufassen. Man kann dies so verstehen, dass diese Schulen unter einer Schulleitung geführt werden. Nicht beantwortet ist ihr rechtlicher Status. Sind sie als eigenständige Schule im Ort verankert, oder rechtlich als "Außenstelle" der größten Schule des Verbundes zu betrachten?  Mehr dazu später. Ebenso unverkennbar ist, dass in diesem Koalitionstext Pro und Kontra Positionen der Koalitionspartner eingeflossen sind. 

Nun den Farben folgend:
  • Bei zwei Schulen "nicht unter 120" Schülern. Also könnten im ländlichen Raum zwei Schulen mit 60 und 70 Kindern einen Schulverbund bilden? Wohl kaum, denn wenige Jahre später haben sie weniger als 120 Schüler... Ist zur Bildung des Schulverbundes also ein Demografie-Check nötig? z.B. Bestandsfähigkeit auf 10 Jahre? 
  • Wenn nun ein dritter Standort dazu kommt: Wie hoch ist dann die Mindestschülerzahl für den gesamten Schulverbund? 120, 140, 160, 180, 200? Ein Detail? Nein: Denn bereits hier entscheidet sich, ob der wirklich ländliche Raum mittelfristig überhaupt genügend Schüler in den Schulverbund einbringen kann. DIESE Frage beschäftigt die einzelnen Schulleiter und Behörden seit 2014 - und die Beantwortung wäre  gerade jetzt im Zusammenhang mit laufenden Förderanträgen sehr hilfreich. (STARKIII oder STARKV -Antrag stellen?)
  • Der Personaleinsatz wäre ja im Schulverbund durch den zu bestimmenden Schulleiter zu organisieren.  Wovon muss er ausgehen? Verbeamtete Lehrkräfte mit Anspruch auf Vollzeitbeschäftigung, welche er nun einsetzen "muss?" Budget für eigenständige Ausschreibung von Fachlehrstellen in Teilzeit? Klassisch schülerbezogene Lehrerstundenzuweisung oder 100% Vollzeiteitäquivalent/pro eine zu definierende Anzahl Schüler?
  • Kein erhöhter Aufwand an Ressourcen: Gemeint sind wohl Lehrkräfte. Der Schulleiter könnte also auch Gefahr laufen, angesichts der in den kommenden Jahren spärlichen personellen Ressourcen wenigstens einen von drei Schulstandorten zumindest suboptimal auszurüsten. 
  • Auch Schulschließungen bedeuten ja einen erheblichen Mehraufwand oder Vernichtung an natürlichen  Ressourcen - einfach in einem anderen Zuständigkeitsbereich, darüber bestehen keine Zweifel (Schülerbeförderung, Standortattraktivität, mittelfristige Steuerkraft). Darf man da gegenrechnen?
  • Entscheidend für die Personalplanung des Schulleiters wird jedoch sein, ob auch in kleinen Schulen weiterhin in Jahrgangsklassen oder in klar jahrgangsdurchmischter Klassenorganisation unterrichtet wird. (Also bei 40 Schülern 4 Klassen mit Klassenlehrern oder 2 Klassen 1./2. 1 Klassenlehrer, 3./4. Klasse 1 Klassenlehrkraft.  Weiterhin fehlt das klare Bekenntnis zu dieser Form der Schulorganisation- es wird von jahrgangsübergreifendem Unterricht gesprochen = findet in ausgewählten Fächern statt. Sie ist aber der Schlüssel für eine erfolgreiche Einführung von Schulverbänden.
  • Pädagogische Qualität: Wieder wird er Eindruck erweckt, kleine Schulen hätten schlechtere Schulqualität. Wie das? Die Stellen sind doch völlig normal besetzt. 
  • Der immer wieder gehörte Verweis auf die Vielfalt der Arbeitsgruppen an "großen Schulen" ist unglücklich. Seit Jahren fallen da ganze Gruppenkurse wegen Personalmangels aus. Man muss sich auf die "Grundversorgung" konzentrieren. In kleinen Schulen wird dies vielfach in Form von themenzentriertem Werkstattunterricht und Themenwochen in den Klassen viel effizienter und nachhaltiger betrieben.
  • Das "pädagogische Konzept" muss nicht neu erfunden werden. Was hier Konzept genannt wird, ist eine veränderte Lehrerrolle. Was im Jahrgangsklassenunterricht als "Unterrichtsdifferenzierung" an pädagogischen Hochschulen vermittelt wird, ist in jahrgangsgemischten Klassenverbänden beruflicher Alltag.
  • Das verlässliche Vertretungskonzept. Funktioniert es denn an den großen Schulen? Weshalb lässt man diesbezüglich nicht heute schon die Schulleiter mitdenken und mitarbeiten, lokale Vertretungspools aufbauen, um unkompliziert "Springer" mit Lehrbefähigung kurzfristig abrufen zu können? Langfristige Vertretungen müssen eh durch das Landesschulamt bereit gestellt werden und wie wir sehen, funktioniert das nur zum Teil.
Das alles sind inhaltliche Fragen, welche Behörden und Lehrkräfte gleichermaßen interessieren. Gestellt wurden sie vom  Aktionsbündnis bereits 2014 in mehreren Beiträgen hier und hier. Es geht dabei um Inhalte - und wie wir sehen, hat sich an dieser Situation nichts geändert.

Wir sagen:

Diese, inzwischen zweijährige Ankündigung hat Potential auf zwei Seiten:
  1.  Es werden irgendwann ab 2020 Schulverbünde als klar geregelte Schulform Flächen deckend eingeführt. Das ist positiv. Für 50 bereits geschlossene Schulen in den Jahren 2013-16 klar zu spät. Dazu hätte man ein Schulschließungsmoratorium benötigt. Dann wenigstens noch retten, was zu retten ist, würde man meinen.  Es gibt aber ein weiteres Problem, dargestellt auf der Zeittafel, welche 2014 erstellt wurde. Damals galt noch die alte SEPL-VO2014. Die Jahreszahlen waren optimistisch, was die Umsetzung von Schulverbünden betrifft, man kann also bis zu deren wirklicher Einführung (nicht Pilotversuche) an Stelle von 2017/18 die Jahre 2019/20 einsetzen. Man beachte die Wirkung von STARKIII auf die noch bestehenden kleinen Schulen.
  • 2. Der Kern des Koalitions-Schulverbundes besteht im Wesentlichen darin, dass Schulleiterstellen auf weniger Standorte konzentriert werden, ohne dass diese auf ein Personaleinsatzkonzept zugreifen können, welches wirkliche Schulverbünde auch ermöglicht. Das wäre dann ganz schlecht, denn: Damit wird die weitere Schulschließungsdiskussion vom Land auf die Schulleiter und Standortgemeinden delegiert, wobei  die Vorgaben des Landes mittelfristig gar keine andere Möglichkeit als Aufhebung kleiner Schulen zulassen. Da stellt sich nun die Frage: Wenn diese Verbundsschulen KEINE rechtlich eigenständigen Standorte mehr sind, dann geht eine solche Schließung natürlich ratzfatz. Schulleiter hat zu wenig Personal, Unterrichtsversorgung gefährdet, man muss Prioritäten setzen. An "Anmanern" wird es nicht fehlen.  Wir kennen das aus den Kommunen: Klamme Kassen rufen die Kommunalaufsicht auf den Plan. Dann geht es an die Dorfgemeinschaftshäuser, Freizeiteinrichtungen, Jugendeinrichtungen etc.  Ein kurzer Weg zu folgender Aufforderung: Ist der  Erhalt von drei Schulstandorten eine obligatorische Aufgabe, oder hat sich der Standortträger aus Spargründen auf einen oder zwei Standorte zu beschränken? Alles schon gehabt.


Deshalb bleibt unsere Kritik stehen

  1.  Wer eine Gesetzesnovelle ankündigt, hat das Ziel, die rechtlichen Grundlagen zu schaffen, um ein neues Konzept/Projekt zu realisieren. Der Titel Schulverbund gibt da nichts her. Es muss also konkrete inhaltliche Vorstellungen geben - die aber der Öffentlichkeit nicht mitgeteilt werden! Weshalb eigentlich? Das ist doch eine Chance, Betroffene mit einzubeziehen, gedanklich mitzubeteiligen und damit das Projekt zum Erfolg zu bringen. Die Änderung des Schulgesetzes ist dann noch eine Formalie, vor allem wenn der Inhalt von der Bevölkerung mitgetragen ist. Gleichzeitig können sich Standortgemeinden und Schulleiter gerade in den aktuell drängenden Planungsfragen mit konkreten Alternativen beschäftigen und nicht mit der Hoffnung auf bessere Zeiten und "Gut Ding will Weile haben" vertrösten.
  2. Die getitelte Aussage "mehr ist dazu nicht zu sagen" ist eine Machtdemonstration. Sie suggeriert:"Wir wissen, was wir wollen, 2017 gibt es das Gesetz". Es ist toll, dass offenbar einige Wenige  einen klaren Weg sehen. Tragisch ist es jedoch, dass die lokalen Verantwortungsträger, welche diesen Weg beschreiten wollen oder müssen, bestenfalls durch Zuruf aus politischen Hinterzimmern auf eine gefährliche Gratwanderung geschickt werden. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb dieser Weg seit mehr als zwei Jahren NICHT ausgeschildert und gesichert wird. 
  3. Wir halten sehr realistisch fest: Das Kind Schulverbund ist im Grunde genommen 2014 in den Brunnen gefallen (Ablehnung des Schulschließungsmoratoriums, Nicht-Anpassung STARKIII an SEPL-VO2014). Gefolgt sind ihm rund 50 Grundschulen. Nicht reanimierbar. Wer also weitere Schulen retten will, sollte als Erstes dafür sorgen, dieses Brunnenloch zu sichern. Dutzende weiterer Schulen werden in dieser ungesicherten Baustelle zu Schaden kommen (über STARKIII, Demografie-Check bis Sept. 2017 auf Grund veralteter Bevölkerungsprognose und völliger Ungewissheit, wie denn diese Schulverbünde konkret aussehen sollen..) 
  4. Wer also wirklich Schulen retten will, egal mit welchem Konzept, holt vorerst mal DAS nach, was 2014 verpasst wurde. Stopp weiterer Grundschulschließungen, und zwar so lange, bis diese gesetzlichen und konzeptionellen Neuerungen verfügbar und Flächen deckend einsetzbar sind. Dann macht sogar der Spruch "Gut Ding will Weile haben" wieder Sinn.
Für Mitglieder des Aktionsbündnisses wenig Neues. Dauerfragen. Für Standortgemeinden immer neue offene Wunden, welche seit Jahren brennen und nicht verarztet werden. ..und alle Betroffenen im ländlichen Raume Sachsen-Anhalts kriegen langsam Halsstarre auf der Suche nach dem seit 2 Jahren angekündigten Rettungsboot, welches jedoch nicht konkret sichtbar ist. 

Weder kennt man die Größe und damit die Beantwortung der Frage, ob alle Gestrandeten Platz haben werden, noch gibt es Gewissheit darüber, ob es sich beim vermeintlichen Rettungsboot möglicherweise um ein Kanonenboot handelt, welches die Insel unter Beschuss nehmen wird -und das Rettungsboot kommt dann hintennach.  Nein, "mehr ist derzeit dazu nicht zu sagen". 

Damit ist aus unserer Sicht alles gesagt. 

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